Die Kunst des absichtslosen Handelns

Über Eugen Herrigels Zen in der Kunst des Bogenschießens – eine Betrachtung über das Wollen, das Loslassen und die stille Vollendung des Handelns

Es gibt eine eigentümliche Erfahrung im menschlichen Leben: Gerade das, was wir mit aller Kraft erreichen wollen, entzieht sich uns bisweilen umso hartnäckiger, je entschlossener wir danach greifen. Wir möchten einschlafen und bleiben wach. Wir wollen natürlich sprechen und werden befangen. Wir bemühen uns, schön zu musizieren, und hören plötzlich nur noch unsere Fehler. Etwas in uns beobachtet, beurteilt und kontrolliert, was eigentlich aus einer tieferen Selbstverständlichkeit hervorgehen könnte. Der Wille, der uns gewöhnlich zum Erfolg führt, wird zum Hindernis dessen, was er hervorbringen möchte.

Von diesem Widerspruch handelt Eugen Herrigels schmales, 1948 erschienenes Buch Zen in der Kunst des Bogenschießens. Sein Gegenstand ist eine jahrhundertealte japanische Kunst, doch seine eigentliche Frage reicht weit über das Bogenschießen hinaus: Wie kann der Mensch so handeln, dass sein Tun nicht länger durch die Enge seines bewussten Wollens begrenzt wird? Wie lässt sich eine Meisterschaft erlangen, in der Anstrengung und Mühelosigkeit, höchste Wachheit und Selbstvergessenheit, vollkommene Beherrschung und völliges Loslassen miteinander versöhnt sind?

Herrigel gibt darauf keine systematische philosophische Antwort. Er erzählt vielmehr von einer Erfahrung, die sich dem begrifflichen Denken zunächst widersetzt und nur allmählich, durch geduldige Übung, erschließt. Sein Buch ist deshalb weniger eine Lehre als die Geschichte einer Verwandlung: Ein Mensch, der gewohnt ist, die Welt durch Erkenntnis und Willensanstrengung zu erschließen, begegnet einer Kunst, die von ihm verlangt, gerade diese Gewohnheiten zu überwinden.

Die Kunst als Weg zu sich selbst

In den zwanziger Jahren lebt der deutsche Philosoph Eugen Herrigel in Japan. Er lehrt an der Universität in Sendai und sucht nach einem Zugang zum Zen-Buddhismus, dessen Verhältnis zu den europäischen mystischen Traditionen ihn beschäftigt. Weil sich Zen, so seine Überzeugung, nicht allein durch Bücher und philosophische Erörterungen verstehen lässt, wendet er sich einer praktischen Disziplin zu: dem japanischen Bogenschießen. Sein Lehrer wird der Meister Awa Kenzō.

Herrigel glaubt zunächst, eine schwierige, aber erlernbare Technik vor sich zu haben. Man müsse den Bogen richtig halten, die Sehne mit der erforderlichen Kraft spannen, sorgfältig zielen und den Pfeil im geeigneten Augenblick lösen. Wenn alle Bewegungen beherrscht seien, müsse sich der Erfolg einstellen.

Doch schon die ersten Unterrichtsstunden erschüttern diese Vorstellung.

Der Meister interessiert sich kaum für das, was Herrigel für den eigentlichen Zweck des Bogenschießens hält: das Treffen der Scheibe. Stattdessen verlangt er eine bestimmte Art des Stehens, Atmens, Spannens und Lösens. Nicht das Ergebnis, sondern die innere Beschaffenheit der Handlung wird zum Gegenstand der Unterweisung.

Damit verschiebt sich der Sinn der Übung grundlegend. Der Bogen ist nicht mehr bloß ein Instrument, das der Mensch zur Verwirklichung seiner Absichten benutzt. Er wird zum Spiegel seines Bewusstseins. In der Art, wie der Schüler die Sehne spannt, zeigt sich, wie er sich selbst und der Welt gegenübersteht: ungeduldig oder gelassen, verkrampft oder offen, beherrscht von der Erwartung des Erfolgs oder gegenwärtig in dem, was er tut.

Die äußere Bewegung macht eine innere Haltung sichtbar.

Das ist der erste entscheidende Gedanke des Buches: Eine Kunst kann mehr sein als die Herstellung eines gelungenen Ergebnisses. Sie kann zu einer Schule der Selbsterkenntnis werden, weil sie uns mit jenen verborgenen Kräften und Widerständen konfrontiert, die unser Handeln bestimmen, ohne dass wir sie gewöhnlich bemerken.

Der Schüler übt den Umgang mit dem Bogen. In Wahrheit aber übt er den Umgang mit sich selbst.

Die Kunst der Gelöstheit

Was Herrigel zunächst lernen muss, erscheint beinahe paradox. Er soll einen mächtigen Bogen spannen, ohne sich dabei anzustrengen.

Natürlich ist damit nicht gemeint, dass keine Muskelkraft erforderlich wäre. Die Spannung des Bogens ist wirklich, sein Widerstand beträchtlich. Doch der Meister unterscheidet zwischen der notwendigen körperlichen Kraft und jener überflüssigen inneren Verkrampfung, die entsteht, sobald der Mensch die Bewegung erzwingen will.

Es ist möglich, gespannt zu sein, ohne verkrampft zu sein. Es ist möglich, eine große Kraft wirken zu lassen, ohne sie mit Gewalt hervorzubringen.

Den Schlüssel zu dieser Erfahrung bildet die Atmung.

Herrigel lernt, die Bewegung des Spannens in den Rhythmus des Atems einzubetten. Der Atem soll nicht länger eine beiläufige körperliche Funktion sein, sondern zum ruhigen Grund werden, aus dem die gesamte Handlung erwächst. Die Bewegungen verlieren dadurch ihren isolierten, mechanischen Charakter. Sie werden zu Teilen eines zusammenhängenden Geschehens.